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Deutschland braucht einen eigenen Marshallplan

Der Autor ist Chief European Economist bei PGIM Fixed Income

Wenn jemand auf jede Frage immer die gleiche Antwort gibt, besteht Grund zum Misstrauen. Nehmen Sie zum Beispiel die deutsche Fiskalpolitik. Die Antwort nach der globalen Finanzkrise? Strenge. Die europäische Staatsschuldenkrise? Strenge. Russlands Einmarsch in die Ukraine? Wieder einmal scheint die Antwort des deutschen Finanzministers zu lauten: Sparmaßnahmen.

Aber im Gegensatz zu anderen Ländern in der EU war Deutschlands Problem nicht eines der Überinvestitionen oder des Kapitalüberhangs. Aus diesem Grund verstärkte die Sparpolitik lediglich die Unterinvestitionen des Landes und machte seine Wirtschaft weniger widerstandsfähig gegenüber dem jüngsten Energieschock. Immer wieder die gleiche Antwort zu geben, zeugt nicht nur von mangelnder Kreativität – für Deutschland ist heute auch mehr Sparen der falsche Weg.

Aufeinanderfolgende Turbulenzen seit der globalen Finanzkrise 2008-2009 hatten das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts bereits aus der Bahn geworfen. Bis heute hat die Wirtschaft ihren Vorkrisentrend nicht wiedererlangt. Schon vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar hat die Pandemie die Schwachstellen aufgezeigt, die sich aus der Unterinvestition Deutschlands ergeben. Zusammen mit einer alternden Bevölkerung trug dieser Mangel zu einem schwachen Wachstum bei.

Russlands Invasion ist der jüngste Schock für Deutschlands Angebot und Nachfrage. Bundesbank und Finanzministerium scheinen diesen Schlag für die Wirtschaft einfach hinzunehmen. Aber die straffere Fiskal- und Geldpolitik, die sie befürworten, würde die Nachfrage weiter dämpfen.

Zudem zeichnet sich ab, dass sich das Trendwachstum in Deutschland weiter abschwächt. Um diesen „Tod durch tausend Schnitte“ aufzuhalten, bei dem sich mehrere Krisen zu einem beunruhigenden Gesamtbild addieren, wird mutiges Handeln und ein Überdenken des Wirtschaftsmodells des Landes erforderlich sein.

Auf internationaler Ebene riskiert die deutsche Sparpolitik, Handelsungleichgewichte zu verschlimmern und die transatlantische Einheit zu belasten. Die Spannungen zwischen dem Westen und China – einem wichtigen Exportmarkt für deutsche Produkte – hatten Deutschlands exportorientierte Wirtschaft bereits gebremst. Chinas Streben nach Autarkie zusammen mit der Fragmentierung der globalen Lieferketten wird Deutschlands Geschäftsmodell weiter herausfordern.

Deshalb muss Deutschland akzeptieren, dass der Handel mit der EU siebenmal größer ist als mit China, und erkennen, dass es zuerst im eigenen Land und in seine wichtigsten Handelspartner investieren muss. Die EU ist der größte und offenste Handelsblock der Welt. Aber der volle Nutzen der Union wird ungenutzt bleiben, wenn Deutschland nicht eine Führungsrolle übernimmt.

Anstelle von Sparmaßnahmen, um den Angebotsschaden aktiv auszugleichen und die Auswirkungen der Inflation durch den Krieg in der Ukraine abzumildern, sollten die deutschen Politiker einen positiven Schock inszenieren.

Die deutsche Industrie setzt auf billige fossile Brennstoffe aus Russland. In einem Worst-Case-Szenario eines plötzlichen Stopps der russischen Energieflüsse nach Deutschland schätzen wir, dass die kumulierten Auswirkungen der seit der großen Finanzkrise verfolgten unzureichenden Politik erstaunliche 15 Prozent des deutschen BIP erreichen könnten.

Ein solcher Schock erfordert einen kompletten Umbau der Energieversorgung des Landes. Einige werden wollen, dass erneuerbare Energien im Mittelpunkt stehen, aber wenn Deutschland eine sichere und beständige Versorgung haben will, werden ergänzende Quellen benötigt. Investitionen in fossile Brennstoffe und Kernenergie im Inland werden wahrscheinlich Teil dieses Bildes sein. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Das bestehende Inlandsangebot wird die Nachfragelücke in Deutschland nicht schließen können.

Stattdessen könnte Deutschland in einer Größenordnung, die an den Marshallplan erinnert, in die öffentliche Infrastruktur investieren. Insbesondere Investitionen in die Energieinfrastruktur, wie der von Deutschland während der Pandemie unterstützte Next-Generation-EU-Plan, würden die Sicherheit des Landes erhöhen, seinen grünen Übergang beschleunigen und positive Innovationseffekte erzeugen.

Mehr fiskalische Ausgaben in ganz Europa könnten auch einen weiteren Impuls für gemeinsame Eurobonds geben. Die deutsche öffentliche Meinung würde einer solchen Initiative weniger widerstreben, da ein Teil der Mittel im Inland ausgegeben würde. Es wäre auch ein Schritt in Richtung Fiskalunion im Euroraum.

Auch Eigeninteresse begünstigt Investitionen. Angesichts der großen deutschen Wirtschaft würden höhere Ausgaben im Inland die gesamte EU ankurbeln. Im Gegenzug würde die tiefe Integration des Landes in die EU-Wirtschaft dazu führen, dass diese wirtschaftlichen Vorteile nach Deutschland selbst zurückfließen.

Deutschland verfügt über die Talente und Ressourcen, die für die von uns vorgeschlagene Investition erforderlich sind. Seine Führer sollten eine zuversichtliche Vision seiner Zukunft entwerfen und darauf vertrauen, dass Investitionen in ihr Land eine gute Rendite bringen werden. Ja, höhere Ausgaben bedeuten mehr Schulden, aber zukünftige Generationen werden das durch diese Schulden aufgebaute Vermögen erben. Nicht zu investieren wird zu einem dauerhaften Verlust des BIP führen – ein schwacher Trost für jede Generation.

Quelle: Financial Times

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